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Neue Fakten sprechen dafür, dass
SS-Hauptsturmführer Hermann Schaper die
"Judenvernichtungsaktion" in Jedwabne geleitet hat.
Der Gesuchte heißt Hermann Schaper.
Letzter Wohnort: unbekannt. Möglicherweise Lüneburg oder
Lüdenscheid. Irgendetwas auf Lü-. Das sagt ein Zeuge, der ihn 1979
gesprochen hat.
Vor 22 Jahren aber verlieren sich die Spuren des
Mannes.
Vermutlich lebt er gar nicht mehr. Er war damals bereits chronisch krank.
Sollte er aber noch leben, so hat er vor ein paar Tagen, am 12. August, seinen
90. Geburtstag gefeiert.
Geburtsort: Straßburg im Elsass, 1911
zum deutschen Kaiserreich gehörig, seit 1919 französisch.
Der
Etat Civil de Strasbourg, das Standesamt, hat sein Ableben jedenfalls nicht
vermerkt. Auch die Behörden von Lüneburg und Lüdenscheid
können nicht weiterhelfen. Im Teilnehmerverzeichnis der deutschen Telekom
sind 34 Hermann Schapers aufgeführt. Bei 31 von ihnen Fehlanzeige, bei
dreien geht seit Wochen niemand ans Telefon.
Ansonsten gibt es im
Bereich der Telekom 3421 Schapers, ein paar von ihnen dürften mit dem
Gesuchten verwandt sein.
Für Schaper interessieren sich derzeit
ein paar polnische Historiker und wohl auch bald die Staatsanwaltschaft. Bei
dem Versuch, Kriegsverbrechen in Ostpolen zu rekonstruieren, ist nämlich
ein Historiker auf Akten gestoßen, aus denen hervorgeht, dass der
SS-Hauptsturmführer Schaper wohl die
"Judenvernichtungsaktion"
in dem ost-polnischen Städtchen Jedwabne geleitet hat.
Das
Muster des Schreckens
Es war der 10. Juli 1941, ein heißer
Sommertag. Auf dem Marktplatz gegenüber der weiß getünchten
Kirche mit den beiden Türmen stoppten mehrere Personenwagen. Acht bis
zwölf Männer, so berichten Zeugen später, stiegen aus.
Einige trugen Uniform, andere waren in Zivil. Sie sprachen deutsch.
Einer von ihnen war höchstwahrscheinlich Schaper.
Was in Jedwabne
zwischen der Ankunft der Deutschen und Sonnenuntergang, als Qualm und Geruch
von verbranntem Fleisch über dem Städtchen lag, als eine Scheune am
Ortsrand brannte, genau geschehen ist, darüber gehen die Meinungen
auseinander.
Genau 22 Jahre später brachten die polnischen
Behörden neben dem Weg, an dem die niedergebrannte Scheune gestanden
hatte, eine Gedenktafel mit der Aufschrift an: "Ort der Ermordung der
jüdischen Bevölkerung. Hier haben Gestapo und Hitlers Gendarmerie
1600 Menschen bei lebendigem Leib verbrannt." Die Tafel wurde im
Frühjahr 2001 entfernt.
Ein paar Monate zuvor war in Polen ein
Buch mit dem schlichten Titel "Nachbarn" erschienen, verfasst von
dem aus Warschau stammenden amerikanischen Soziologen Jan T. Gross.
Darin kam er zu dem Schluss: ?An einem Tag im Juli 1941
ermordete
die eine Hälfte der Bevölkerung die andere Hälfte "rund
1600 Männer, Frauen, Kinder."
Die Katholiken von Jedwabne
seien über ihre jüdischen Nachbarn hergefallen, hätten sie
gedemütigt, gefoltert, in die Scheune getrieben, diese dann
angezündet. Die Deutschen hätten sich darauf beschränkt, Bilder
zu machen.
Vorher hätten sie allerdings dem Stadtrat von Jedwabne
erlaubt, mit den Juden "aufzuräumen".
Im staatlichen Institut für das
Nationale Gedächtnis (IPN), das "Verbrechen gegen das polnische
Volk" dokumentieren soll, wollte man es genauer wissen. Man schickte
einen Experten in die Zentrale Stelle für die Dokumentation von
NS-Verbrechen in Ludwigsburg.
Dort wurde dieser schnell fündig:
Vor fast vier Jahrzehnten hat sich nämlich ein Amtsgerichtsrat Opitz,
dessen Vorname nicht bekannt ist, mit den "Judenliquidierungen" im
Bezirk Lomza in Ostpolen befasst (Aktenzeichen 5 AR-Z 13/62).
"Aktionen gegen Juden"
Opitz ermittelte, dass
dort ein vom früheren Kriminalkommissar Schaper geführtes
SS-Einsatzkommando ?Aktionen gegen Juden? durchgeführt hat.
Der Weg der SS-Mörder im Sommer 1941 ist unter anderem durch
Augenzeugenberichte gut dokumentiert: 5. Juli - Wasosz, 7. Juli -
Radzilow, 10. Juli - Jedwabne, 13. Juli - Wizna, im August (ohne
näheres Datum)- Lomza, 22. August - Tykocin, 4. September
- Rutki. Überdies werden "Judenaktionen" in Zambrow und
Borkowo erwähnt.
In dem Gebietsstreifen von der Ostsee
bis zum Schwarzen Meer gingen die Einsatzkommandos dabei immer nach dem selben
Muster vor. Sie rekrutierten vor allem aus der lokalen Unterschicht junge
Männer, denen sie Beute und Straffreiheit versprachen.
Dabei
bauten sie auf den traditionellen Antisemitismus der Völker Osteuropas.
In
Polen hatten die Regierung und Kirche in den Jahren vor dem Krieg diese
Stimmung geschürt [diese Bemerkung basiert auf keinen
historischen Tatsachen! - Red. NW], die sowjetische Besatzung vom
September 1939 bis zum Juni 1941 hatte sie weiter verstärkt.
In den
Augen vieler Polen hatte nämlich ein Teil der Juden mit den sowjetischen
Besatzern kollaboriert und in deren Repressionsapparat mitgearbeitet.
Die Nazi-Führung war über
diese
Stimmung sehr wohl im Bilde. SS-Führer Reinhard Heydrich befahl am 1.
Juli
1941, "sowohl antikommunistisch als auch antijüdisch"
eingestellte Polen als "Initiativelement für Pogrome" zu
nutzen.
Daran hielt sich Schaper. Persönlich hat er nach
Augenzeugenberichten zumindest die "Judenaktionen" in Radzilow und
in Tykocin geleitet.
Dies erfuhr Opitz 1963 von der israelischen
Staatsanwaltschaft. Die israelischen Behörden haben Überlebende aus
beiden Orten ausfindig gemacht. Der Zeugin Chaja Finkelstein aus Radzilow und
dem Zeugen Izchak Feler aus Tykocin wurden 20 Fotos verschiedener
NS-Funktionäre vorgelegt.
Beide deuteten unabhängig
voneinander auf zwei Bilder von Schaper.
Die meisten Juden von
Radzilow
waren ebenfalls in einer Scheune verbrannt worden. Daran beteiligt hat sich
laut den Berichten von Überlebenden nicht nur die von den Nazis
aufgestellte polnische Hilfspolizei, sondern auch ein Teil der örtlichen
Bevölkerung. [diese Bemerkung basiert auf keinen
historischen Tatsachen! Einige polnische Bewohner wurden durch die
Deutschen zur Überwachung der Juden auf dem Marktplatz gezwungen, somit ist der
Begriff "polnische Hilfspolizei" absurd! - Red. NW]
Die Juden von
Tykocin wurden Feler zufolge in einem Wald von Deutschen erschossen, die auf
vier Lastwagen herangebracht worden seien. Die amtlichen Protokolle aus Tel
Aviv brachten Opitz zu dem Schluss, dass das Kommando Schapers auch für den
Massenmord von Jedwabne verantwortlich war. Denn es war vor und nach jenem
10.Juli nachweislich in Nachbarorten am Werk.
Opitz übersandte seinen
Bericht an die Staatsanwaltschaft Hamburg, die daraufhin 1964 ein
Ermittlungsverfahren gegen Schaper wegen der Ermordung der Juden im Raum Lomza
einleitete (Aktenzeichen 141 Js 223/64).
Schaper wohnte damals in
Hamburg, zur Untermiete bei Kröger auf dem Strandweg 9 im vornehmen Stadtteil
Blankenese. Beim Verhör bestritt er, jemals die Ortsnamen Radzilow, Rutki,
Zambrow, Jedwabne und Wizna gehört zu haben. Wohl habe er in Lomza
Verwaltungsaufgaben erledigt.
Aus Mangel an Beweisen
Der
Leiter der deutschen Zivilverwaltung von Lomza, ein Graf von der Groeben, hatte
dagegen zu Protokoll gegeben, er habe gehört, Schaper habe dort die Erschießung
von Juden geleitet.
Das Verfahren wurde am 2. September 1965 wegen
Mangels an Beweisen eingestellt. In der Begründung hieß es, zwar glaubten
Überlebende, Schaper als leitenden Offizier erkannt zu haben.
Doch
seien bei der Identifizierung anhand von Fotos Irrtümer möglich. Außerdem gebe
es keine Zeugen dafür, dass er sich tatsächlich an den Mordtaten beteiligt
habe. Schaper stand fast ein Jahrzehnt
später doch noch wegen in Polen begangener Verbrechen vor Gericht. Zu dem
Zeitpunkt war er bereits Rentner, sein Prostata-Leiden hatte sich
verschlimmert.
Er musste Windeln tragen. Doch versuchte er, straff
Haltung zu wahren. Das Landgericht Gießen befand 1976, dass er und vier
weitere Angehörige seines SS-Kommandos der "Mithilfe zum Mord an
Polen und Juden" schuldig seien. Hauptschuldige seien die Nazi-Oberen,
die menschenverachtende Gesetze erlassen hätten.
Die Angeklagten
hätten aus Rassenhass gehandelt, somit aus "niedrigen
Beweggründen". Schaper wurde zu sechs Jahren Haft verurteilt. Doch
sein Anwalt legte sogleich Revision ein - und der ehemalige
SS-Hauptsturmführer blieb weiter auf freiem Fuß.
Der Anwalt
argumentierte, dass Schaper kein Rassenhass vorgeworfen werden könne, da
er sogar jüdische Freunde gehabt habe. Im Übrigen, sagte er, habe er
nur Befehle ausgeführt.
Der Bundesgerichtshof befand dann 1979,
dass in der Tat der Vorwurf des "Rassenhasses" nicht ausreichend
geprüft worden sei. Zu dem Revisionsprozess ist es indes nie gekommen,
Schaper war nicht verhandlungsfähig.
Allerdings enthalten all
diese Archivmaterialien keinen eindeutigen Beweis dafür, dass die
deutschen Besatzer bei der Ermordung der Juden von Jedwabne die entscheidende
Rolle gespielt haben.
Im Mai 2001 wurde dieser Beweis
schließlich gefunden - in Form von fast 100 Patronenhülsen sowie einigen
Gewehr- und Pistolenkugeln.
Experten des IPN untersuchten nämlich das
Gelände, auf dem die Scheune gestanden hatte und auf dem die Opfer
verscharrt worden waren. Die dabei gefundene Munition stammt von deutschen
Mauser-Karabinern sowie von einer Walter-Offizierspistole.
Die
Ausgrabungen ergaben auch, dass in der Scheune keineswegs 1600 Menschen
verbrannt waren, sondern rund 250. Weitere Massengräber wurden nicht
gefunden.
Polnische Historiker sind sich jedoch einig darin, dass
dieser Unterschied für die moralische und auch strafrechtliche Bewertung
belanglos ist - doch für die Rekonstruktion des Geschehens ist er
durchaus von Belang.
Ausgedacht und Regie geführt
Auch lässt sich die Version, es habe ein Abkommen zwischen
dem
Stadtrat von Jedwabne und den Deutschen über die Ermordung der
jüdischen Bevölkerung gegeben, nicht belegen. Es gab nämlich
überhaupt keinen Stadtrat.
Vielmehr hatten die Deutschen zwei
ihnen genehme Kollaborateure eingesetzt, einer von ihnen war nachweislich ein
Krimineller.
Als die Deutschen im Sommer 1941 nach Jedwabne kamen,
fanden sie eine orientierungslose, traumatisierte Gesellschaft vor, in der es
keine Autoritäten mehr gab.
Der Pfarrer, der Apotheker, der
Bürgermeister und die meisten anderen Stadträte, der Kommandant des
Polizeipostens, fast alle Lehrer, einige Handwerksmeister waren in den beiden
Jahren zuvor von der sowjetischen Geheimpolizei erschossen oder deportiert
worden.
Stattdessen gaben, wie es ein jüdischer Überlebender
nannte, die "örtlichen Raufbolde" den Ton an.
Mehrere
Überlebende haben berichtet, dass es etwa drei bis vier Dutzend
Männer waren, die Juden auf brutale, sadistische Art gejagt, geschlagen,
gefoltert, erschlagen haben. [diese Bemerkung basiert auf keinen
historischen Tatsachen! Keiner von sogenannten "Augenzeugen" - wie Wasersztajn,
Finkelsztajn, Boruszczak oder GrÄ…dowski, war in der Zeit in Jedwabne!
Beispielweise der "Augenzeuge" Grądowski saß seit 1940 in sovietischen Gefengnis wegen Diebstahl - Red. NW]
Doch es waren Deutsche, die den
Massenmord ausgedacht, organisiert, dabei Regie geführt und ihn mit ihren Waffen auch vollendet haben.
Thomas Urban, Süddeutsche Zeitung, 2002-08-31
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