nasza witryna Jedwabne - Sie kamen - und sie sprachen Deutsch
von Thomas Urban, Süddeutsche Zeitung, 31.08.2002


 

Neue Fakten sprechen dafür, dass SS-Hauptsturmführer Hermann Schaper die "Judenvernichtungsaktion" in Jedwabne geleitet hat.

Der Gesuchte heißt Hermann Schaper. Letzter Wohnort: unbekannt. Möglicherweise Lüneburg oder Lüdenscheid. Irgendetwas auf Lü-. Das sagt ein Zeuge, der ihn 1979 gesprochen hat.

Vor 22 Jahren aber verlieren sich die Spuren des Mannes. Vermutlich lebt er gar nicht mehr. Er war damals bereits chronisch krank. Sollte er aber noch leben, so hat er vor ein paar Tagen, am 12. August, seinen 90. Geburtstag gefeiert.

Geburtsort: Straßburg im Elsass, 1911 zum deutschen Kaiserreich gehörig, seit 1919 französisch.

Der Etat Civil de Strasbourg, das Standesamt, hat sein Ableben jedenfalls nicht vermerkt. Auch die Behörden von Lüneburg und Lüdenscheid können nicht weiterhelfen. Im Teilnehmerverzeichnis der deutschen Telekom sind 34 Hermann Schapers aufgeführt. Bei 31 von ihnen Fehlanzeige, bei dreien geht seit Wochen niemand ans Telefon.

Ansonsten gibt es im Bereich der Telekom 3421 Schapers, ein paar von ihnen dürften mit dem Gesuchten verwandt sein.

Für Schaper interessieren sich derzeit ein paar polnische Historiker und wohl auch bald die Staatsanwaltschaft. Bei dem Versuch, Kriegsverbrechen in Ostpolen zu rekonstruieren, ist nämlich ein Historiker auf Akten gestoßen, aus denen hervorgeht, dass der SS-Hauptsturmführer Schaper wohl die "Judenvernichtungsaktion" in dem ost-polnischen Städtchen Jedwabne geleitet hat.

Das Muster des Schreckens

Es war der 10. Juli 1941, ein heißer Sommertag. Auf dem Marktplatz gegenüber der weiß getünchten Kirche mit den beiden Türmen stoppten mehrere Personenwagen. Acht bis zwölf Männer, so berichten Zeugen später, stiegen aus.

Einige trugen Uniform, andere waren in Zivil. Sie sprachen deutsch. Einer von ihnen war höchstwahrscheinlich Schaper.

Was in Jedwabne zwischen der Ankunft der Deutschen und Sonnenuntergang, als Qualm und Geruch von verbranntem Fleisch über dem Städtchen lag, als eine Scheune am Ortsrand brannte, genau geschehen ist, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Genau 22 Jahre später brachten die polnischen Behörden neben dem Weg, an dem die niedergebrannte Scheune gestanden hatte, eine Gedenktafel mit der Aufschrift an: "Ort der Ermordung der jüdischen Bevölkerung. Hier haben Gestapo und Hitlers Gendarmerie 1600 Menschen bei lebendigem Leib verbrannt." Die Tafel wurde im Frühjahr 2001 entfernt.

Ein paar Monate zuvor war in Polen ein Buch mit dem schlichten Titel "Nachbarn" erschienen, verfasst von dem aus Warschau stammenden amerikanischen Soziologen Jan T. Gross.

Darin kam er zu dem Schluss: ?An einem Tag im Juli 1941 ermordete die eine Hälfte der Bevölkerung die andere Hälfte "rund 1600 Männer, Frauen, Kinder."

Die Katholiken von Jedwabne seien über ihre jüdischen Nachbarn hergefallen, hätten sie gedemütigt, gefoltert, in die Scheune getrieben, diese dann angezündet. Die Deutschen hätten sich darauf beschränkt, Bilder zu machen.

Vorher hätten sie allerdings dem Stadtrat von Jedwabne erlaubt, mit den Juden "aufzuräumen".

Im staatlichen Institut für das Nationale Gedächtnis (IPN), das "Verbrechen gegen das polnische Volk" dokumentieren soll, wollte man es genauer wissen. Man schickte einen Experten in die Zentrale Stelle für die Dokumentation von NS-Verbrechen in Ludwigsburg.

Dort wurde dieser schnell fündig: Vor fast vier Jahrzehnten hat sich nämlich ein Amtsgerichtsrat Opitz, dessen Vorname nicht bekannt ist, mit den "Judenliquidierungen" im Bezirk Lomza in Ostpolen befasst (Aktenzeichen 5 AR-Z 13/62).

"Aktionen gegen Juden"

Opitz ermittelte, dass dort ein vom früheren Kriminalkommissar Schaper geführtes SS-Einsatzkommando ?Aktionen gegen Juden? durchgeführt hat.

Der Weg der SS-Mörder im Sommer 1941 ist unter anderem durch Augenzeugenberichte gut dokumentiert: 5. Juli - Wasosz, 7. Juli - Radzilow, 10. Juli - Jedwabne, 13. Juli - Wizna, im August (ohne näheres Datum)- Lomza, 22. August - Tykocin, 4. September - Rutki. Überdies werden "Judenaktionen" in Zambrow und Borkowo erwähnt.

In dem Gebietsstreifen von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer gingen die Einsatzkommandos dabei immer nach dem selben Muster vor. Sie rekrutierten vor allem aus der lokalen Unterschicht junge Männer, denen sie Beute und Straffreiheit versprachen.

Dabei bauten sie auf den traditionellen Antisemitismus der Völker Osteuropas. In Polen hatten die Regierung und Kirche in den Jahren vor dem Krieg diese Stimmung geschürt [diese Bemerkung basiert auf keinen historischen Tatsachen! - Red. NW], die sowjetische Besatzung vom September 1939 bis zum Juni 1941 hatte sie weiter verstärkt.

In den Augen vieler Polen hatte nämlich ein Teil der Juden mit den sowjetischen Besatzern kollaboriert und in deren Repressionsapparat mitgearbeitet.

Die Nazi-Führung war über diese Stimmung sehr wohl im Bilde. SS-Führer Reinhard Heydrich befahl am 1. Juli 1941, "sowohl antikommunistisch als auch antijüdisch" eingestellte Polen als "Initiativelement für Pogrome" zu nutzen.

Daran hielt sich Schaper. Persönlich hat er nach Augenzeugenberichten zumindest die "Judenaktionen" in Radzilow und in Tykocin geleitet.

Dies erfuhr Opitz 1963 von der israelischen Staatsanwaltschaft. Die israelischen Behörden haben Überlebende aus beiden Orten ausfindig gemacht. Der Zeugin Chaja Finkelstein aus Radzilow und dem Zeugen Izchak Feler aus Tykocin wurden 20 Fotos verschiedener NS-Funktionäre vorgelegt.

Beide deuteten unabhängig voneinander auf zwei Bilder von Schaper.

Die meisten Juden von Radzilow waren ebenfalls in einer Scheune verbrannt worden. Daran beteiligt hat sich laut den Berichten von Überlebenden nicht nur die von den Nazis aufgestellte polnische Hilfspolizei, sondern auch ein Teil der örtlichen Bevölkerung. [diese Bemerkung basiert auf keinen historischen Tatsachen! Einige polnische Bewohner wurden durch die Deutschen zur Überwachung der Juden auf dem Marktplatz gezwungen, somit ist der Begriff "polnische Hilfspolizei" absurd! - Red. NW]

Die Juden von Tykocin wurden Feler zufolge in einem Wald von Deutschen erschossen, die auf vier Lastwagen herangebracht worden seien.
Die amtlichen Protokolle aus Tel Aviv brachten Opitz zu dem Schluss, dass das Kommando Schapers auch für den Massenmord von Jedwabne verantwortlich war. Denn es war vor und nach jenem 10.Juli nachweislich in Nachbarorten am Werk.

Opitz übersandte seinen Bericht an die Staatsanwaltschaft Hamburg, die daraufhin 1964 ein Ermittlungsverfahren gegen Schaper wegen der Ermordung der Juden im Raum Lomza einleitete (Aktenzeichen 141 Js 223/64).

Schaper wohnte damals in Hamburg, zur Untermiete bei Kröger auf dem Strandweg 9 im vornehmen Stadtteil Blankenese. Beim Verhör bestritt er, jemals die Ortsnamen Radzilow, Rutki, Zambrow, Jedwabne und Wizna gehört zu haben. Wohl habe er in Lomza Verwaltungsaufgaben erledigt.

Aus Mangel an Beweisen

Der Leiter der deutschen Zivilverwaltung von Lomza, ein Graf von der Groeben, hatte dagegen zu Protokoll gegeben, er habe gehört, Schaper habe dort die Erschießung von Juden geleitet.

Das Verfahren wurde am 2. September 1965 wegen Mangels an Beweisen eingestellt. In der Begründung hieß es, zwar glaubten Überlebende, Schaper als leitenden Offizier erkannt zu haben.

Doch seien bei der Identifizierung anhand von Fotos Irrtümer möglich. Außerdem gebe es keine Zeugen dafür, dass er sich tatsächlich an den Mordtaten beteiligt habe.

Schaper stand fast ein Jahrzehnt später doch noch wegen in Polen begangener Verbrechen vor Gericht. Zu dem Zeitpunkt war er bereits Rentner, sein Prostata-Leiden hatte sich verschlimmert.

Er musste Windeln tragen. Doch versuchte er, straff Haltung zu wahren. Das Landgericht Gießen befand 1976, dass er und vier weitere Angehörige seines SS-Kommandos der "Mithilfe zum Mord an Polen und Juden" schuldig seien. Hauptschuldige seien die Nazi-Oberen, die menschenverachtende Gesetze erlassen hätten.

Die Angeklagten hätten aus Rassenhass gehandelt, somit aus "niedrigen Beweggründen". Schaper wurde zu sechs Jahren Haft verurteilt. Doch sein Anwalt legte sogleich Revision ein - und der ehemalige SS-Hauptsturmführer blieb weiter auf freiem Fuß.

Der Anwalt argumentierte, dass Schaper kein Rassenhass vorgeworfen werden könne, da er sogar jüdische Freunde gehabt habe. Im Übrigen, sagte er, habe er nur Befehle ausgeführt.

Der Bundesgerichtshof befand dann 1979, dass in der Tat der Vorwurf des "Rassenhasses" nicht ausreichend geprüft worden sei. Zu dem Revisionsprozess ist es indes nie gekommen, Schaper war nicht verhandlungsfähig.

Allerdings enthalten all diese Archivmaterialien keinen eindeutigen Beweis dafür, dass die deutschen Besatzer bei der Ermordung der Juden von Jedwabne die entscheidende Rolle gespielt haben.

Im Mai 2001 wurde dieser Beweis schließlich gefunden - in Form von fast 100 Patronenhülsen sowie einigen Gewehr- und Pistolenkugeln.

Experten des IPN untersuchten nämlich das Gelände, auf dem die Scheune gestanden hatte und auf dem die Opfer verscharrt worden waren. Die dabei gefundene Munition stammt von deutschen Mauser-Karabinern sowie von einer Walter-Offizierspistole.

Die Ausgrabungen ergaben auch, dass in der Scheune keineswegs 1600 Menschen verbrannt waren, sondern rund 250. Weitere Massengräber wurden nicht gefunden.

Polnische Historiker sind sich jedoch einig darin, dass dieser Unterschied für die moralische und auch strafrechtliche Bewertung belanglos ist - doch für die Rekonstruktion des Geschehens ist er durchaus von Belang.

Ausgedacht und Regie geführt

Auch lässt sich die Version, es habe ein Abkommen zwischen dem Stadtrat von Jedwabne und den Deutschen über die Ermordung der jüdischen Bevölkerung gegeben, nicht belegen. Es gab nämlich überhaupt keinen Stadtrat.

Vielmehr hatten die Deutschen zwei ihnen genehme Kollaborateure eingesetzt, einer von ihnen war nachweislich ein Krimineller.

Als die Deutschen im Sommer 1941 nach Jedwabne kamen, fanden sie eine orientierungslose, traumatisierte Gesellschaft vor, in der es keine Autoritäten mehr gab.

Der Pfarrer, der Apotheker, der Bürgermeister und die meisten anderen Stadträte, der Kommandant des Polizeipostens, fast alle Lehrer, einige Handwerksmeister waren in den beiden Jahren zuvor von der sowjetischen Geheimpolizei erschossen oder deportiert worden.

Stattdessen gaben, wie es ein jüdischer Überlebender nannte, die "örtlichen Raufbolde" den Ton an.

Mehrere Überlebende haben berichtet, dass es etwa drei bis vier Dutzend Männer waren, die Juden auf brutale, sadistische Art gejagt, geschlagen, gefoltert, erschlagen haben. [diese Bemerkung basiert auf keinen historischen Tatsachen! Keiner von sogenannten "Augenzeugen" - wie Wasersztajn, Finkelsztajn, Boruszczak oder Grądowski, war in der Zeit in Jedwabne! Beispielweise der "Augenzeuge" Grądowski saß seit 1940 in sovietischen Gefengnis wegen Diebstahl - Red. NW]

Doch es waren Deutsche, die den Massenmord ausgedacht, organisiert, dabei Regie geführt und ihn mit ihren Waffen auch vollendet haben.

Thomas Urban, Süddeutsche Zeitung, 2002-08-31

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