nasza witryna Thesen zum Pogrom in Jedwabne (Teil 2)
Kritische Anmerkungen zu der Darstellung "Nachbarn" von Jan Tomasz Gross
Dr. Bogdan Musial


 

Teil 1 Teil 3

Berichte von Holocaust Überlebenden: Der affirmative und selektive Umgang

In Hunderten von jüdischen Gedenkbüchern (yizkor bukher) und in Tausenden von Berichten jüdischer Überlebenden wird an die Ermordung der Juden in Europa erinnert.45 Hinzu kommt die inzwischen unüberschaubar gewordene Memoirenliteratur von Holocaust Überlebenden, die mit jedem Tag umfangreicher wird. Diese Quellen gehören ohne Zweifel zu den wichtigsten Zeugnissen des Holocaust. Der Umgang mit ihnen ist aber, wie mit jeder historischen Überlieferung, nicht unproblematisch. Dr. Samuel Gringauz, ein Holocaust Überlebender, wies bereits 1950 auf die Probleme im Umgang mit diesen Überlieferungen hin:

The difficulties in studying the great Jewish catastrophe are manifold. There is the vast geographical area of the disaster and the enormity of personal suffering and of social and emotional upheavals brought about by the events of the catastrophe. [...] Last but not least, there is what perhaps may be termed, the hyperhistorical complex of the survivors. Never before was the event so deeply sensed by its participants as being part of an epoch-shaping history in the making, never before was a personal experience felt to be so historically relevant. The result of this hyperhistorical complex has been that the brief post-war years have seen a flood of 'historical materials? ? rather 'contrived? than 'collected? ? so that today one of the most delicate aspects of research is the evaluation of the so-called 'research material.?

The hyperhistorical complex may be described as judeocentric, lococentric, and egocentric [Herv. im Original]. It concentrates historical relevance on Jewish problems of local events under the aspect of personal experience. This is the reason why most of the memoirs and reports are full of preposterous verbosity, graphomanic exaggeration, dramatic effects, overestimated self-inflation, dilettante philosophising, would-be lyricism, unchecked rumors, bias, partisan attacks, and apologies. The question thus arises whether participants of such a world-shaking epoch can at all be its historians and whether the time has already come when valid historic judgement, free of partisanship, vindictiveness and ulterior motives is possible.46

Diese Warnungen sind heute, ein halbes Jahrhundert später, aktueller denn je. Jan Tomasz Gross hält solche Bedenken für unberechtigt und plädiert sogar für das Gegenteil (S. 101): "Wenn es um die Aussagen von [Holocaust] Überlebenden geht, wären wir gut beraten, bei der Bewertung ihres Beitrags zur Tatsachenfeststellung nicht von vornherein eine kritische, sondern eine grundsätzlich positive Haltung einzunehmen."

Mit seinem "affirmativen" Ansatz glaubt Gross, neue Maßstäbe in der Holocaustforschung zu setzen. Tatsächlich ist dies aber seit Jahren ein zwar ungeschriebenes, aber allgemein geltendes Gesetz, das in der Haltung gegenüber den Holocaust Überlebenden begründet ist. Peter Novick schreibt dazu: "In recent years 'Holocaust survivor' has become an honorific term, evoking not just sympathy but admiration, and even awe. Survivors are thought of and customarily described as exemplars of courage, fortitude, and wisdom derived from their suffering."47

Unter diesen Umständen erscheint vielen eine kritische Betrachtung von Berichten, Memoiren usw., die von Holocaust Überlebenden stammen, als unangemessen. Norman Finkelstein argumentiert zugespitzt: "Because survivors are now revered as secular saints, one doesn't dare question them. Preposterous statements pass without comment."48 Es gibt Wissenschaftler, die diese Entwicklung nicht ohne Sorge beobachten, wie beispielsweise István Deák: "An accurate record of the Holocaust has been endangered, in my opinion, by the uncritical endorsement, often by well-known Jewish writers or public figures, of virtually any survivor?s account of related writings."49

Ferner behauptet Gross (S. 29), es gebe keinen Grund jüdische Überlebende zu verdächtigen, dass sie ihre polnischen Nachbarn falsch beschuldigen würden. Diese Annahme setzt voraus, dass den Holocaust Überlebenden die sogenannten negativen Emotionen (Rachegefühle, Vorurteile) fremd bzw. abgegangen sind. Man ist sich aber einig, dass der Holocaust bei den jüdischen Überlebenden eine außergewöhnlich schwere emotionale Krise auslöste, auf die die Betroffenen sehr verschieden reagierten und reagieren.50 Angesichts der Katastrophe wäre es verwunderlich, wenn dies nicht der Fall gewesen wäre. Joseph L. Lichten, ein Holocaust Überlebender, stellte im Jahre 1966 fest: "They [Tagebücher, Memoiren, Berichte usw.] were written in the main during or immediately after a grave emotional crisis, when the observing eye was blinded with tears. Even in those composed several years later, the commentator, including the present writer, finds himself again overwhelmed by grief at the recollection of the ghastly period. The result frequently is a document of pain, born out of the tragedy which both the writer and the people he is writting about lived through."51

Ausgangspunkt für die Beschäftigung Gross' mit dem Fall Jedwabne war der bereits erwähnte Wasersztajn-Bericht, den er in extenso zitiert (S. 23-26). Überhaupt ist die ganze Konstruktion seiner Darstellung auf diesem Bericht aufgebaut: Die Hauptthesen (Rolle der polnischen Bewohner und der Deutschen, Exzesse, Zahl der Opfer, Verlauf des Massakers) stammen aus diesem Bericht. Die übrigen von Gross eigenwillig ausgewerteten Quellen haben einen eher ergänzenden Charakter.

Der Wasersztajn-Bericht soll am 5.4.1945 in Białystok in Jiddisch aufgenommen und ins Polnische übersetzt worden sein, das Original ist allerdings bis heute nicht aufgefunden worden. Der Berichterstatter hieß Szmul Wasersztajn, stammte aus Jedwabne und war zum Zeitpunkt des Massakers 18 Jahre alt. Es existieren zwei Versionen des Wasersztajn-Berichtes, die sich voneinander erheblich unterscheiden. Die von Gross in extenso zitierte Version ist die ausführlichere und wurde von "M. Kwater frei übersetzt". Sie wird im Jüdischen Historischen Institut (ŻIH, 301/152) aufbewahrt. Die zweite Version ist wesentlich kürzer und befindet sich ebenfalls im ŻIH (Sign.: 301/613). Hinzu kommt der bereits erwähnte Auszug aus der ausführlicheren Version, der für die Bedürfnisse des Verfahrens in Łomża von 1949 abgefaßt wurde.

Die von Gross zitierte Version des Wasersztajn-Berichtes enthält zahlreiche erschütternde Szenen und liest sich wie eine dramatische Anklage gegen die polnischen Bewohner von Jedwabne, die ihre jüdischen Nachbarn in grausamster Weise ermordet haben sollen. Es ist die Rede von ausgestochenen Augen, herausgeschnittenen Zungen, Tötung von Säuglingen an der Brust der Mütter, Kinder seien an den Beinen zu Bündeln zusammengebunden und mit Mistgabeln in die Glut der abgebrannten Scheune geworfen worden. Nach dem Brand seien den Opfern Goldzähne mit Äxten herausgeschlagen worden. Gross hält diese Schilderung der Ereignisse für glaubwürdig und nimmt sie wortwörtlich (S. 27).

Allerdings befinden sich innerhalb der beiden Versionen und auch im Vergleich der beiden untereinander Widersprüche. So heißt es in der längeren Version (S. 24), dass der Befehl zum Mord an Juden in Jedwabne am 10. Juli 1941 "von den Deutschen" erlassen worden sei. Drei Sätze weiter heißt es aber (S. 24-25): "Am Morgen des 10.Juli 1941 kamen acht Gestapoleute ins Städtchen und hatten eine Besprechung mit Vertretern der Stadtverwaltung. Auf die Frage der Gestapoleute, was sie mit den Juden vorhätten, antworten sie einmütig, alle Juden sollen vernichtet werden. Auf den Vorschlag der Deutschen, von jedem Beruf eine jüdische Familie übrigzulassen, erwiderte der örtliche Tischler Bronisław Szlesiński, der an der Besprechung teilnahm: Wir haben genügend eigene Fachleute, alle Juden müssen vernichtet werden, keiner soll am Leben bleiben. Karolak und alle anderen stimmten seinen Worten zu. Szleziński stellte dafür seine unweit des Städtchens gelegene Scheune zur Verfügung. Nach dieser Besprechung begann das Gemetzel." Nach dieser Schilderung wäre der Mord auf die Initiative polnischer Bewohner zurückzuführen und nicht auf den deutschen Befehl.

Ferner ist in der kürzeren Version die Rede von einem Bild Lenins, das Juden herumzutragen gehabt hätten, in der längeren dagegen von einem großen und schweren Denkmal Lenins, das von Juden abmontiert, und von 75 starken und jungen jüdischen Männer herumgetragen und am Friedhof in eine ausgehobene Grube geworfen worden sei. Anschließend seien die 75 Männer von "örtlichen Rowdys" zu Tode geprügelt und in dieselbe Grube geworfen und vergraben worden. Gross führt die zweite Version (S. 25) des Geschehens an.

Allerdings deutet einiges daraufhin, dass beide Versionen nicht ganz korrekt das Ereignis wiedergeben. Während der Ende Mai 2001vorgenommenen Exhumierung in Jedwabne wurde innerhalb der Fundamente der abgebrannten Scheune ein Grab freigelegt, in dem die erwähnte Lenin-Statue und menschliche Überreste gefunden wurden. Die Statue, der Kopf und die Büste, waren stark beschädigt und angebrannt.52 Dies deutet daraufhin, dass sie dort nach dem Brand vergraben wurden und nicht davor. Das hieße aber auch, dass der Bericht vom Vergraben des Denkmals Lenins und dem Totprügeln von 75 jüdischen Männern durch polnische "Rowdys" auf dem Friedhof nicht der Wahrheit entspricht. Es ist bezeichnend, dass Gross auf Seite 71 der polnischen Ausgabe folgende Aussage eines polnischen Zeugen anführt: "...man trieb alle Juden, auch diejenigen, die das Denkmal trugen, vom Marktplatz in die Scheune, dann schüttete man Benzin an die Scheune und steckte sie an..."53 Ähnlich sagte Zygmunt Laudański in der von Gross als glaubwürdig eingestuften Aussage aus: "Die Juden trugen das Lenindenkmal auf dem Markt herum, später trieben wir alle Juden mit dem Denkmal in die Scheune von Bronisław Śledziński, wo sie verbrannt wurden."54 Gross fiel der offenkundige Widerspruch zwischen diesen Aussagen und dem Wasersztajn-Bericht nicht auf.55

Auch die Opferzahlen differieren. In der kürzeren Version wird die Zahl von 1200 Ermordeten und nur drei Geretteten erwähnt.56 In der längeren Version heißt es dagegen, dass in Jedwabne vor Kriegsausbruch 1600 Juden gelebt und den Krieg nur sieben überlebt hätten. Die Zahl der am 10. Juli 1941 ermordeten Juden wird nicht explizit genannt.

Weitere Widersprüche finden sich zwischen dem Bericht bzw. den Berichten von Wasersztajn und den von anderen jüdischen Überlebenden aus Jedwabne, die Gross in seiner Darstellung anführt. So schildert Wasersztajn in der längeren Version und mit ihm Gross (S. 23f): "Am selben Tag [dem 25. Juni 1941, B.M.] beobachtete ich eine schreckliche Szene. Chaja Kubrzanska, achtundzwanzig Jahre alt, und Basia Binsztejn, sechsundzwanzig Jahre alt, beide mit einem Säugling auf dem Arm, liefen, als sie sahen, was geschah [polnische Morde an Juden, B.M.] zum Weiher, denn lieber wollten sie sich mit den Kindern ertränken [...].Sie warfen die Kinder ins Wasser und ertränkten sie eigenhändig, dann sprang Baska Binsztejn hinein und ging sofort unter, doch Chaja Kubrzanska quälte sich mehrere Stunden lang. Die versammelten Rowdys machten sich darüber lustig. Sie rieten ihr, sich mit dem Gesicht nach unten ins Wasser zu legen, dann ginge sie schneller unter. Angesichts dessen, daß die Kinder bereits ertrunken waren, warf sie sich schließlich mit mehr Schwung ins Wasser und fand ebenfalls den Tod."

Rivka Fogel, eine jüdische Überlebende aus Jedwabne, schildert dasselbe Ereignis wie folgt: "The sisters, the wife of Avraham Kubzanski and the wife of Saul Binshtein, whose husbands left with the Russians after enduring horrible punishment at the hands of the Germans, decided to end their own lives and that of their children. They exchanged the children between themselves and together they jumped into deep water. Gentiles standing nearby pulled them out, but they managed to jump in again and were drowned."57 In diesem Bericht verhielten sich polnische Zeugen (gentiles) des Geschehens ganz anders als dies Wasersztajn und mit ihm Gross schildert, sie versuchten die Frauen zu retten. Auch war für den Selbstmord der Frauen deutsche Verfolgung ursächlich und nicht die der polnischen "Banditen", wie bei Wasersztajn und Gross.

Weiter berichtet Wasersztajn (S. 23) und mit ihm Gross: "Ich sah mit eigenen Augen, wie diese Mörder [Wacek Borowski (Borowiuk) und sein Bruder Mietek, polnische Bewohner von Jedwabne] Chajcia Wasersztajn, Jakob Kac, dreiundsiebzig Jahre alt, und Eliasz Krawiecki ermordeten". Rivka Fogel schreibt dagegen: "On the very first day that the Germans entered the city of Yedwabne, they murdered the harnessmaker Yakow Katz [Jakob Kac], the stitcher Eli Krawiecki [Eliasz Krawiecki], the blacksmith Shmuel Weinstein..."58 Auch hier unterscheiden sich die Aussagen über Täter (Wasersztajn schreibt von polnischen Banditen, Fogel von Deutschen) grundlegend. Gross kennt den Bericht von Rivka Fogel, er zitiert aus ihm (S. 70), ohne jedoch auf diese Widersprüche hinzuweisen.

Rivka Fogel berichtet ferner, ohne allerdings von Gross zitiert zu werden: "There was one Jew whose name was Israel Grondowski. He was a carpenter and a well-known citizen, who during that time of distress profaned G-d`s name. He and his family ran to the Catholic Church, fell to the feet of the priest and asked him to convert them to Christianity, thereby saving their lives. This same man turned against his own people. About one hundred and twenty-five Jews had been lucky enough to hide out and escaped being burned alive. The new Christian told the goyim where the hideout was located. However, after that terrible day of horror, the anger of the goyim against our people had subsided."59

Bei Israel Grondowski handelt sich um den bereits erwähnten Józef Grądowski 60, der nach eigenen Angaben am 10. Juli 1941 dank polnischer Hilfe sich selbst, seine Frau und zwei Söhne gerettet habe.61 Seine Schwester mit Familie wurde dagegen an diesem Tag ermordet.62 Er konvertierte tatsächlich, allerdings nicht am 10. Juli 1941, wie Rivka Fogel schreibt, sondern laut entsprechender Eintragung im Pfarramt in Jedwabne am 19. August 1945, und zwar ohne seine Frau und Kinder, die nach dem 10. Juli 1941 ums Leben gekommen waren. In der Eintragung steht: "Es geschah in Jedwabne am 19. August 1945 um 8 Uhr. Es erschien Israel Grondowski, mosaischen Glaubens, Handwerker, wohnhaft in Jedwabne, 55 Jahre alt [...] Er erklärte, dass er aus innerer Überzeugung und ohne jegliches Zureden wünscht, vom mosaischen Glauben auf den Schoß der Katholischen Kirsche zu übergehen. Der oben erwähnte Israel Grondowski wurde heute in der hiesigen Kirche getauft, wobei ihm bei der Taufe der Name Józef gegeben wurde."63

Weitere Widersprüche in den Berichten der jüdischen Überlebenden werden bei Konfrontation mit anderen Quellen aufgedeckt. Auf Seite 58 schildert Gross folgende Begebenheit, wobei er sich auf Bericht von Wiktor Nieławicki beruft: "Die Führer der jüdischen Gemeinde [aus Jedwabne] entsandten eine Delegation, die als Präsent schöne silberne Kerzenständer mit sich führte, zum Bischof in Łomża, der um die Zusicherung ersucht wurde, ein Pogrom in Jedwabne nicht zuzulassen und sich bei den Deutschen für die jüdische Gemeinschaft zu verwenden. [...] 'Eine Zeitlang hielt der Bischof tatsächlich das Wort?."

Der Bericht von Wiktor Nieławicki wurde im Jahre 1980 im Jedwabne Memorial Book veröffentlicht, in dem dasselbe Ereignis jedoch wie folgt geschildert wird: "The leaders of the Jewish community [in Jedwabne] collected a large sum of money and delivered it [vor dem 10. Juli 1941, B.M.] to the Catholic Bishop of Łomża , who promised that he would not permit a pogrom in Yedwabne. Yes, the Bishop kept his word for a while."64

In der älteren Version des Berichtes ist die Rede von "a large sum of money" und nicht von "schönen silbernen Kerzenständer", die der Bischof als "Präsent" bekommen haben sollte. Diese Unterschiede erklärt Gross wie folgt (S. 49, Anm. 41 in der polnischen Ausgabe): "Im Gespräch präzisierte Nieławicki bestimmte Ungenauigkeiten in der englischsprachigen Version seines Zeugnisses, die im Memorial Book veröffentlicht wurde." Das Gespräch habe im Februar 2000 stattgefunden.

Allerdings deutet einiges daraufhin, dass in Wirklichkeit weder die "präzisierte" noch die ursprüngliche Version des Geschehens stattfand. Der Bischof von Łomża, der das Lösegeld angenommen und dann sein Wort gebrochen haben soll, heißt Stanisław Łukomski. Im Herbst 1939 mußte er seinen Sitz und die Stadt verlassen und vor sowjetischer Verfolgung untertauchen. In die Stadt kehrte er nach eigenen Angaben erst am 9. Juli 1941 zurück, nachdem er eine Erlaubnis dazu vom deutschen Stadtkommandanten erhalten habe. In seine Wohnung und seinen Sitz habe er erst einen Monat später einziehen können, da sie von deutschen Soldaten belegt gewesen waren.65 Das Datum der Rückkehr des Bischofs läßt sich mit den Angaben in der Chronik der Benediktiner-Nonnen aus Łomża verifizieren, in der unter dem 8. Juli 1941 folgende Eintragung steht: "... Nach Łomża kehrte der Bischof Stanislaw Kostka-Łukomski zurück." Drei Tage später, am 11. Juli, wurde er von zwei Nonnen besucht.66

Angesichts dessen ist es eher unwahrscheinlich, dass den Bischof ein paar Tage vor dem 10. Juli 1941 eine jüdische Delegation in Łomża aufgesucht und ihm das Lösegeld übergeben haben konnte.67 Hinzu kommt, dass die Möglichkeiten eines polnischen Bischofs für eine solche Intervention bei den deutschen Besatzern eher gering waren. So konnte der Bischof damals auch nicht verhindern, dass Priester aus seiner Diözese von Deutschen ermordet wurden.68 Es sei noch anzumerken, dass in einem viel früheren Bericht von Nieławicki vom 11. Juni 1945, in dem er u.a. das Massaker in Jedwabne schildert, noch keine Rede von Lösegeld, einem Bischof und dessen Verrat ist.69

Andere Geschehnisse, die Gross auf Grundlage von Berichten jüdischer Überlebender schildert, werfen bereits bei Konfrontation mit seinen eigenen Feststellungen einige Fragen auf. So schildert er auf Seite 76 die Umstände, unter denen sich Janek Neumark aus der bereits brennenden Scheune gerettet habe: "Im letzten Moment gelang es Janek Neumark, sich aus dieser Hölle loszureißen. Ein Schwall heißer Luft sprengte das Scheunentor auf, neben dem er mit seiner Schwester und deren fünfjährigem Töchterchen stand. Staszek Sielawa stellte sich ihnen mit einer Axt in der Hand entgegen, doch Neumark entriß ihm die Axt, und sie konnten entkommen und sich auf dem Friedhof verstecken." In dem Bericht von Neumark, den Gross hier anführt, ist noch die Rede von "Itzchak Aaron Mendel's son", den Neumark ebenfalls gerettet haben soll.70

Auf Seite 67-68 schreibt Gross, dass um die Scheune "die Menge der Täter" zunahm. Drei Sätze weiter betont er noch einmal: "Es waren also viele Menschen, die sich aktiv an diesem Massaker beteiligten." Es stellt sich nun die Frage, wie es einem einzigen Mann gelingen konnte, sich selbst und zeitgleich drei weitere Personen (dabei war ein fünfjähriges Kind) aus einer brennenden Scheune gerettet zu haben, die von so vielen Tätern umkreist war. Zwischen der Scheune und dem jüdischen Friedhof befand sich ein offenes Gelände und die Entfernung dazwischen betrug etwa Hundert Meter.

Ferner schreibt Neumark und mit ihm Gross, dass Stanisław Sielawa den Fluchtweg mit einer Axt in der Hand versperrt habe, die ihm Neumark entrissen habe. Wasersztajn berichtet dagegen und mit ihm auch Gross (S.74), dass Stanisław Sielawa an diesem Tag Juden mit einem "Eisenhacken" gemordet habe.71 Danach war Stanisław Sielawa einer der aktivsten und grausamsten Mörder an diesem Tag, die Angaben differieren hinsichtlich der Mordwaffe. Stanisław Sielawa war einer der Angeklagten im Jahre 1949 und erklärte während der Gerichtsverhandlung: "Ich bin ein Krüppel, ich habe [damals] mein Haus nicht verlassen [...]. Krüppel am Bein bin ich seit meinem dritten Lebensjahr." Das Gericht sprach Sielawa frei.72 Nach Angaben von Jan Sokołowski, der bis 1947 in Jedwabne lebte, hatte Stanisław Sielawa ab dem Knie abwärts eine einfache hölzerne Prothese, die er sich selbst gebastelt habe, und war stark gehbehindert.73

Janek Neumark wanderte nach 1945 nach Australien aus, änderte seinen Namen auf Binstein und starb im Jahre 1997. Im Familienkreis erzählte er aber offenkundig eine andere Version seiner Rettung aus der brennenden Scheune in Jedwabne, die seine Witwe wiedergibt: "'Outside the door stood a man with an axe', says Dora [die Witwe von Neumark/Binstein]. 'He knew him. It was a Pole. As a young boy, they were playing and fighting. And when he sneezed, he recognised the sneeze from inside, and pushed the door himself. He said: 'You so and so, you want to burn me alive?' And the Pole said: 'Here, Janek, here is the axe. Save yourself. I don't see anything.' And he turned away. 'Janek grabbed his sister and her little girl, and they ran across the road to the cemetery."74 Aber auch hier stellt sich die Frage, wo zu dieser Zeit die vielen anderen Täter waren.75

Gross unterliefen auch einige andere Fehler. Auf Seite 158 (Anm. 5) zitiert er aus einem Bericht des Sicherheitsdienstes folgende Passage: "Dem Justizministerium wurde ein Brief übersandt von einer Jüdin Calka Migdał, die entkam, als in Jedwabne die Juden ermordet wurden, und die alles gesehen hat und auch, wer sich 1941 an der Ermordung der Juden in Jedwabne beteiligte." Es handelt sich also nach Gross um eine weitere weibliche Überlebende des Massakers in Jedwabne. Tatsächlich ist aber Calka Migdał keine Frau, sondern ein Mann, denn Calka ist ein männlicher Vorname, Migdał ist ein Nachname. Ferner konnte Calka Migdał kein Augenzeuge des Massakers gewesen sein, denn er wanderte im Jahre 1937 aus Jedwabne nach Uruguay aus. Einen Brief von Calka Migdał gibt es tatsächlich, seine Abschrift befindet sich in den von Gross ausgewerteten Prozeßakten. In dem Brief schreibt Calka Migdał: Er habe erfahren, dass in Jedwabne Juden durch Polen und nicht durch Deutsche ermordet wurden, und dass die polnischen Täter noch nicht bestraft worden seien.76

Die stichprobenartige quellenkritische Analyse der hier besprochenen Berichte offenbart zahlreiche Widersprüche und Ungereimtheiten. Sie wurden von Gross entweder übersehen oder ausgeblendet. Polnische Historiker sind sich inzwischen relativ sicher, dass keiner der von Gross angeführten jüdischen Augenzeugen den Verlauf des Massakers, die einzelnen Exzesse, das Verbrennen von Juden in der Scheune, gesehen haben konnte. Es herrscht die Auffassung vor, dass diese Berichte ein Ergebnis der "kollektiven Erinnerung" seien.77

Auch Gross relativiert seit kurzem die Bedeutung dieser Berichte für seine Darstellung: "Mein Buch wurde nicht auf der Grundlage der Berichte von Holocaust Überlebenden geschrieben", die Prozessakten seien der Hauptquellenfundus.78 Tatsächlich ist aber die Bedeutung der oben besprochenen Berichte für Gross' Darstellung nicht zu überschätzen: Die ganze Konstruktion stützt sich auf den Wasersztajn-Bericht, die dramatischsten Szenen und Details des Verbrechens, die Schilderung von erschütternden Grausamkeiten wie z.B. "Fußballspielen" mit dem Kopf eines ermordeten jüdischen Mädchens, die den Leser schockieren und verstören, stammen ausschließlich aus diesen Berichten.

Die vorliegende Analyse zeigt, dass in den von Gross angeführten Berichten schwer zu unterscheiden ist zwischen Gehörtem, Gerüchten, Übertreibungen, falschen Anschuldigungen und dem tatsächlich Gesehenem. Sie eignen sich nicht dazu, den Verlauf der Vernichtungsaktion im Detail zu rekonstruieren, ohne sie zuvor mit anderen Quellen abzugleichen und einzelne Aussagen zu verifizieren. Das heißt aber nicht, dass sich alle Berichte von Holocaust Überlebenden zur Rekonstruktion des Geschehenen grundsätzlich nicht eignen. Diese Analyse zeigt lediglich, welche Gefahren der unkritische (affirmative) und selektive Umgang mit historischen Überlieferungen in sich birgt, und zugleich wie wichtig es ist, dabei die wissenschaftlichen Regeln einzuhalten.

Die Zahl der Opfer

Jeder Historiker weiß, wie problematisch und zugleich wichtig der Umgang mit Opferzahlen ist. In den Prozessakten und in den Berichten von Überlebenden wird häufig die Zahl 1600 von jüdischen Opfern angeführt, die am 10. Juli 1941 in Jedwabne ermordet worden seien. Gross übernimmt diese Angabe, ohne sie quellenkritisch zu verifizieren. Inzwischen erlangte die Zahl 1600 eine große Symbolik. In Wirklichkeit ist sie jedoch viel zu hoch angesetzt.

Im September 1940 lebten nach sowjetischen Angaben im Rayon79 >Jedwabne 37.300 Polen, 185 Weißrussen und 1400 Juden.80 Zum Rayon Jedwabne gehörten noch die Ortschaften Wizna und Radziłów, in denen viele Juden lebten. Nach anderen sowjetischen Angaben wohnten im Jahre 1940 in Jedwabne 562 Juden, in Wizna 476 und in Radziłów etwa 500.81 Dies ergibt die Zahl von etwa 1540 Juden in den drei Orten des Rayons. Man kann also davon ausgehen, dass in Jedwabne während der sowjetischen Besatzung etwa 600 Juden gelebt haben.

Wie viele Juden sich am 10. Juli 1941 in Jedwabne aufhielten, ist unbekannt. Nach dem 22. Juni 1941 flüchteten einige mit der Roten Armee, wie beispielsweise Abraham Kubrzanski und Saul Binsztejn.82 Auf der anderen Seite kamen nach Jedwabne Juden aus Wizna. Rivka Fogel gibt an, dass nach Jedwabne 600 Juden aus Wizna gekommen seien, nachdem die dortige Gemeinde vernichtet worden sei.83 Nieławicki berichtet, dass etwa zwei Wochen nach dem deutschen Überfall alle Juden Wizna verlassen mussten, nachdem mehrere Dutzend von ihnen von Deutschen mit polnischer Hilfe getötet worden waren. Die meisten von ihnen seien dann in Jedwabne ums Leben gekommen.84 Nieławicki erwähnt, dass seine Eltern und Familie kurz vor dem 10. Juli 1941 aus Jedwabne nach Wizna zurückkehrten.85

Das Massaker vom 10. Juli 1941 überlebten nach Rivka Vogel 125 Juden; Menachem Finkelsztajn, ein Überlebender aus Radziłów, berichtet dagegen von 302 Überlebenden, Szymon Datner von 300 Personen.86 Polnische Zeugen sprechen von etwa 100 Überlebenden.87 Auch in Wizna wohnten laut polnischen Angaben nach dem 10. Juli 1941 Juden; sie wurden im Jahre 1942 "ausgesiedelt."88 Gross selbst geht von "ein- bis zweihundert Menschen" aus, die sich an diesem Tag gerettet haben, ohne jedoch eine quellenmäßige Grundlage für seine Schätzung zu liefern (S. 72).

Mit den oben angeführten Angaben läßt sich die Zahl der Opfer in Jedwabne nicht feststellen, es waren aber mit Sicherheit weniger als 1500-1600, denn in Jedwabne und Wizna lebten zusammen etwa 1100 Juden, die nicht alle am 10. Juli 1941 ermordet wurden. Einige flüchteten, viele wurden bereits vor und andere nach dem 10. Juli 1941 ermordet, nur eine Minderheit überlebte den Krieg.

Im März 2001 ließ die Rada Pamięci Walki i Męczeństwa (Rat für den Schutz des Gedenkens an Kämpfe und Märtyrertum)89 den Tatort von Experten untersuchen. Sie legten die Fundamente der damals abgebrannten Scheune frei und lokalisierten ein Massengrab. Eine Exhumierung fand zunächst auf Wunsch der jüdischen Gemeinde - aus religiösen Gründen - nicht statt. Ende Mai/Anfang Juni 2001 wurde jedoch im Auftrag des IPN eine allerdings nur teilweise Exhumierung durchgeführt, wobei ein zweites Massengrab gefunden wurde. Die Experten stellten fest, dass die Scheune 133 m? groß (19m x 7m) war. Das erste Massengrab befindet sich dicht an den Fundamenten der abgebrannten Scheune, das zweite innerhalb der Fundamente. Laut Zeitungsberichten schätzen Experten, dass sich in beiden Massengräbern Überreste von mindestens 150 bis maximal 250 Opfern befinden. Es gibt keine Hinweise auf weitere Massengräber, in denen die in der Scheune verbrannten Opfer begraben worden wären.90 Andrzej Kola, Archäologe, der an der teilweisen Exhumierung mitwirkte, schätzt dagegen die Zahl der Opfer auf 300 bis 400, und "vorsichtig" auf etwa 300.91 Die bei der Exhumierung vorgefundenen Gegenstände wie Eheringe und Goldmünzen, widersprechen der These, dass die Opfer nach dem Mord ausgeplündert worden seien.

Indem Gross unkritisch die Zahl von 1600 verbrannten Opfern übernahm, provozierte er eine dem Gedenken der Ermordeten kaum angemessene Diskussion, ob es überhaupt möglich sei, in einer kleinen Scheune 1600 Menschen zu verbrennen.92 Trotz der angeführten Erkenntnisse, die Gross inzwischen bekannt sind, hält er an seiner Version fest, dass in Jedwabne am 10. Juli 1941 mindestens 1600 Juden von ihren polnischen Nachbarn und ohne der Beteiligung der Deutschen ermordet seien.

Konstituierung des Stadtrates in Jedwabne und der Massenmord

Auf Seite 59 schreibt Gross: "Mittlerweile [nach dem Einmarsch der Deutschen] hatte sich eine neue Stadtverwaltung konstituiert. Bürgermeister wurde Marian Karolak, und zu seinen engsten Mitarbeitern gehörten ein gewisser Wasilewski sowie Józef Sobuta. Über die Tätigkeit der Stadtverwaltung in jenen Tagen können wir nichts Genaues sagen, außer daß sie sich mit den Deutschen über die Ermordung der Jedwabner Juden beriet und sie schließlich ausführte."

Gross behauptet also, dass sich nach dem Einmarsch der Deutschen in Jedwabne eine Stadtverwaltung oder ? wie er weiter schreibt ? "Stadtrat" (S. 60-62.) "konstituiert" habe. Auch verwendet Gross in der polnischen Version seines Buches den Begriff Stadträte (radni miejscy, in der deutschen Version ist die Rede von Mitgliedern des Stadtrates), die genauso wie der Stadtrat in Wahlen bestimmt werden. Allerdings erfahren wir im Buch nichts über den Vorgang der Konstituierung dieses Organs, ebenfalls fehlen Quellen, auf die er diese Behauptung stützt. Dass in Jedwabne nach dem Einmarsch der Deutschen eine gewissermaßen freie Wahl des Stadtrates stattgefunden hätte, ist kaum wahrscheinlich, dies widerspricht in eklatanter Weise der Logik der deutschen Besatzung in Polen. Dagegen ist es viel wahrscheinlicher, dass deutsche Besatzer gleich nach der Einnahme der Stadt einen Bewohner, der Deutsch sprach, vorläufig zum "Bürgermeister" bestimmten. Er hatte die Aufgabe, deutsche Anweisungen entgegenzunehmen und auszuführen. So dürfte sich auch der ganze "Stadtrat" bzw. "Stadtverwaltung" in Jedwabne "konstituiert" haben.

Den angeblichen Verhandlungen, die zwischen dem Stadtrat und den Deutschen stattgefunden haben sollen, widmet Gross mehrere Seiten. Seine Ausführungen dazu stützt er auf Aussagen von Henryk Krystowczyk, Eljasz Grądowski, beide wenig glaubwürdig, und Szmul Wassersztajn, der diese Verhandlungen kaum beobachtet haben konnte.

Mit den Begriffen "Stadtrat" suggeriert Gross aber, dass die polnischen Bewohner eine Autonomie und Entscheidungsspielräume gehabt hätten, und dass sie sie dazu mißbrauchten, ihre jüdischen Nachbarn zu ermorden. Diese Suggestion, der jegliche quellenmäßige Grundlage fehlt und die der Logik der deutschen Besatzung in Polen in eklatanter Weise widerspricht, ist ein weiterer sehr wichtiger Baustein in der Beweiskette von Gross, dass für den Mord an Juden in Jedwabne allein die polnischen Bewohner verantwortlich seien.


45 Sie werden vornehmlich im Jüdischen Historischen Institut in Warschau (künftig: ŻIH), in der Gedenkstätte Yad Vashem und Holocaust Memorial Museum in Washington aufbewahrt.

46 Samuel Gringauz Some Methodological Problems in the Study of the Ghetto, in: Jewish Social Studies: A Quarterly Journal Devoted to the Historical Aspects of the Jewish Life [New York], no. 12 1950 S. 65-72, S. 65-66.

47 Peter Novick The Holocaust in American Life, Boston, New York 1999 S. 68

48 Norman Finkelstein The Holocaust Industry. Reflections on the Exploitation of Jewish Suffering, London, New York 2000 S. 82.

49 István Deák Memories of Hell, in: The New York Review of Books, 26 June 1997 S. 38-41, hier S. 38.

50 Nach 1945 war man sich in jüdischen Kreisen einigermaßen einig, dass sich der Holocaust auf die Überlebenden eher demoralisierend ausgewirkt habe. Vgl. dazu u.a. Novick The Holocaust S. 68-69; Rache, die oft genug blind ist, war für nicht wenige Überlebende direkt nach dem Krieg eine treibende Kraft. John Sack argumentiert beispielsweise, dass die Rache eines der wichtigsten Motive für viele Überlebende war, im kommunistischen Terrorapparat in Polen tätig zu sein. John Sack An Eye for an Eye, Basic Books, New York 1993 S. 100-111; vgl. auch Marek Jan Chodakiewicz Żydzi i Polacy 1918-1955. Współistnienie - Zagłada - Komunizm, Warszawa 2000 S. 408-409.

51 Joseph L. Lichten Some Aspects of Polish-Jewish Relations during the Nazi Occupation, in: Studies in Polish Civilization. Selected papers presented at the First Congress of the Polish Institute of Arts & Scienses in America, November 25, 26, 27, 1966 in New York. Edited by Damian S. Wandycz, New York and Hove, Sussex 1970 S. 154-175, hier S. 156.

52 Nowa mogiła ofiar w Jedwabnem, in: Rzeczpospolita vom 1. Juni 2001; Tragedia w dwóch aktach, in: GW vom 1. Juni 2001; Drugi grób w stodole, in: Życie vom 1. Juni 2001.

53 In der deutschen Ausgabe wurde diese Stelle wie folgt übersetzt (S. 75): "Während das Denkmal herumgetragen wurde, trieb man alle Juden vom Marktplatz zur Scheune und steckte sie an..."

54 Vernehmung von Zygmunt Laudański, 16. Januar 1949. IPN, SOŁ 123, Bl. 667R-668.

55 Witold Kulesza vom Institut des Nationalen Gedenkens deutet die Exhumierungsergebnisse wie folgt: "Wahrscheinlich wurden diese Juden [die das Denkmal zu tragen hatten, B.M.] samt Lenin-Büste in eine Grube in der Scheune geworfen, damit die nachfolgende Gruppe nicht voreilig durch den Anblick von Leichen in Panik versetzt würde. Offenbar [so Kulesza] sei keine Zeit mehr geblieben, um die Toten zuzuschütten. Deswegen fanden sich bei der Exhumierung Spuren des späteren Brandes sowohl an der oben aufliegenden Büste wie den durch sie verdeckten Skeletton." (Die Wahrheit mißt neun Millimeter: Das Massaker in Jedwabne", in: FAZ vom 24. Oktober 2001). Dies würde bedeuten, dass die Täter, zunächst ein Massengrab in einer kleinen Scheune (siehe unten) ausgehoben, ein Teil der Opfer darin erschlagen, dann die übrigen Opfer in die Scheune getrieben und erst dann die Scheune angezündet hätten. Meines Erachtens ist diese Deutung als nicht besonders schlüssig zu bezeichnen.

56 Gross schreibt (S. 14, Anm. 6), dass Wasersztajn in der kürzeren Version von 18 Juden aus Jedwabne berichtet habe, die überlebt hätten. Die Zahl 18 bezog sich allerdings auf die Zahl der Tage, nach denen der Mord nach dem Einmarsch der Deutschen passiert habe.

57 Yedwabne: History and Memorial Book. Hrsg. Julius L. Baker and Jacob L. Baker Jerusalem-New York, The Yedwabne Societies in Israel and the United States of America 1980 S. 102.

58 Memorial Book S. 102.

59 Ebenda S. 103.

60 Der Name Grądowski wird gelegentlich in Dokumenten als Grondowski geschrieben. Die beiden Namensformen werden im Polnischen ähnlich ausgesprochen.

61 Protokoll der Gerichtsverhandlung vor dem Appellationsgericht in Białystok vom 13. Juni 1950. IPN, SOŁ 123, Bl. (unleserlich).

62 Zeugenaussage von Józef Grądowski,29. März 1949. IPN, SOŁ 123, Bl. 749; Protokoll der Anhörung vor dem Kreisgericht Łomża vom 8. Juli 1947. APŁ, SGŁ, Co 52/47.

63 Taufurkunde von Józef Grondowski vom 19. August 1945, Kopie im Besitz des Verfassers.

64 Memorial Book S. 100.

65 Rozporządzenie Urzędowe Łomżyńskiej Kurii Diecezjalnej. Rok XXXVI, Nr. 5-7 Maj - Lipiec, 1974 S. 61-62.

66 Kronika Panien Benedyktynek S. 79.

67 Nieławicki schreibt, der Bischof habe einige Zeit sein Wort gehalten ("kept his word for a while"). Dies interpretiere ich als einige Tage.

68 Rozporządzenie Urzędowe Łomżyńskiej Kurii S. 62: "Der erste der Priester, die seit 1941 ums Leben kamen, war Pfarrer Stanisław Rejmentowski aus Borkowo bei Łomża. Gestapo führte verhaftete Juden durch Borkowo. Gerade in diesem Augenblick ließ die Haushälterin des Pfarrers Kirchenglocke für die Morgenmesse läuten. Gestapomänner glaubten, es werde geläutet, um die Verhafteten zu ehren. Sie verhafteten auf der Stelle den Pfarrer und die Dienerin und seitdem sind sie verschollen. Als ich davon erfuhr, begab ich mich sofort zum Landrat in Łomża, Dr. von der Groeben, und bat um Freilassung der unschuldig Verhafteten. Der Landrat erklärte, er sei nicht kompetent [...]." Der Landrat habe sich auch geweigert, dem Bischof zu helfen. "Später erfuhr ich von einem Gestapomann, " so der Bischof, "dass der Pfarrer Rejmentowski mit Sicherheit nicht mehr lebt."

69 Bericht von Avigdor (Wiktor) Nieławicki vom 11. Juni 1945. ŻIH, 301/384; insgesamt sind dem Verfasser sechs Stellungnahmen von Wiktor Nieławicki zu den Ereignissen in Jedwabne bekannt: die Berichte vom 11. Juni 1945 und im Memorial Book vom 1980, der "präzisierte" Bericht in "Nachbarn", Interviews in The Guardian vom 12. März 2001 und im Spiegel vom 28. Mai 2001 sowie ein Gespräch mit Gazeta Wyborcza vom 10. Juli 2001. Diese Stellungnahmen sind widersprüchlich. Beispielsweise erklärte Nieławicki am 11. Juni 1945 und in The Guardian, dass seine Eltern und Schwester in der Scheune in Jedwabne ermordet worden seien. Im Memorial Book und im Spiegel berichtet er dagegen, dass seine Eltern kurz vor dem Massaker nach Wizna zurückgekehrt seien. Im Jahre 1945 berichtete er, er sei bei der NSZ (nationalistisch orientierte Widerstandsbewegung) gewesen und so die deutsche Besatzung überlebt habe. Im Spiegel dagegen sprach er von der Heimatarmee, deren Angehörigen sehr antisemitisch gewesen seien. Zwischen Heimatarmee und NSZ gab es zahlreiche Konflikte. Auch nennt Nieławicki die Abteilung nicht, in der er gekämpft habe. In dem Gespräch mit Gazeta Wyborcza soll er dagegen erzählt haben, dass er sich während des Krieges komplett allein versteckt gehalten habe. Bezeichnend ist auch, dass er in den letzten Stellungnahmen den Bischof und seinen Verrat nicht mehr erwähnt. In Polen ist spätestens seit Januar 2001 bekannt, dass diese Version unwahrscheinlich ist (vgl. Marek Jan Chodakiewicz, Kłopoty z kuracją szokową, in: Rzeczpospolita vom 5. Januar 2001). Nieławicki verfolgt aber über Internet sehr aufmerksam die polnische Diskussion: "His grandson downloads stories on the internet from the Polish newspaper which detail the heated discussion the resurrection on the Jedwabne massacre story has sparked in his old homeland, he says" (in: The Guardian). Im Spiegel erklärte er auch, dass seine Aussagen von 1945 gefälscht worden seien. Es ist darauf hinzuweisen, dass diese Aussagen - wie auch der Wasersztajn-Bericht - von der Jüdischen Historischen Kommission in Białystok in jiddischer Sprache aufgenommen wurden.

70 "I [...] managed also to take with me my sister, her five year old daughter, and Itzchak Aaron Mendel's son", in: Memorial Book S. 113.

71 ŻIH, 301/612

72 Protokoll der Gerichtsverhandlung. IPN, SOŁ 123, Bl. 208R.; Urteilsbegründung. Ebenda, Bl. 228R.

73 Skizze der Prothese und schriftliche Erklärung von Jan Sokołowski, Białystok, 28. Mai 2001.

74 Paul Heinrichs Poles' day of shame exposed, in: The Age, 18 March 2001.

75 Nach einer polnischen Aussage befand sich Neumark zum Zeitpunkt des Massenmordes nicht in Jedwabne, er sei Ende Juni 1941 aus Jedwabne geflüchtet. Jedwabne, 10 lipca 1941 ? zbrodnia i pamięć, in: Rzeczpospolita, 3.? 4. März 2001.

76 IPN, SOŁ 123, Bl. 599.

77 Jedwabne, 10 lipca 1941 - zbrodnia i pamięć, in: Rzeczpospolita vom 3.-4. März 2001; Ustalam wszystkie okoliczności (Interview mit Radosław Ingnatiew), in: BIPN, Nr. 3, April 2001 S. 10. Nach dem Massenmord vom 10. Juli 1941 lebten die meisten Überlebenden des Massakers noch mindestens ein Jahr in Jedwabne. Ab Herbst 1942 bis zum Einmarsch der Roten Armee (Januar 1945) hielten sich sieben Überlebende aus Jedwabne in einem Versteck bei der Familie Wyrzykowski auf, darunter waren u.a. Szmul Wasersztajn und Józef Grądowski. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges lebten einige Zeit Juden in Jedwabne. Auch später, als die meisten von ihnen ausgewandert sind (Israel, Australien, USA, Honduras) hielten sie Kontakte miteinander. Es ist anzunehmen, dass bei diesen Kontakten das Thema des Massenmordes vom 10. Juli 1941 öfter angesprochen wurde. Die Entstehung des Memorial Book ist ein Beweis dafür.

78 Jedwabne, 10 lipca 1941 - zbrodnia i pamięć, in: Rzeczpospolita vom 3. - 4. März 2001.

79 In der Sowjetunion auf dem Lande die unterste Verwaltungsstufe nach der Dorfgemeinde.

80 Bericht der NKWD-Stelle in Jedwabne über die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Lage im Rayon Jedwabne vom 16. September 1940, abgedruckt in: Michał Gnatowski W radzieckich okowach. Studium o agresji 17 wrzesnia 1939 r. i radzieckiej polityce w regionie łomżyńskim w latach 1939-1941, Łomża 1997 S. 256-262, hier S. 256. Dieses Buch ist Gross bekannt, denn er zitiert aus ihm.

81 Wirtschaftliche Charakteristik der Städte und Rayons im Oblast Białystok (1940, ohne genaueres Datum). Staatsarchiv der Oblast Grodno (Gosudarstvennyj archiv obščestvennych obiedinennj Grodnenskoj oblasti), Sign. 6195/1/132, Bl. 37-38.; Kurze wirtschaftliche Charakteristik der Städte, Rayons und Dorfräte in Oblast Białystok (Jahr 1940). Ebenda, Sign. 6195/1/129, Bl. 153, 160, 166.

82 Augenzeugenbericht von Rivka Fogel, in: Memorial Book S. 101; Mehr dazu Musial Konterrevolutionäre Elemente S. 273-276.

83 Ebenda.

84 Augenzeugenbericht von Avigdor Nieławicki, 11. Juni 1945. ŻIH, 301/384; dieser Sachverhalt wurde im Jahre 1947 durch das Kreisgericht Łomża anläßlich eines Antrages auf Todeserklärung bestätigt: "Im Juni 1941 nach der Besetzung von Wizna durch die Deutschen wurde Eli Kalmaniewski getötet, und seine Ehefrau zusammen mit der am Leben gebliebenen jüdischen Bevölkerung wurde nach Jedwabne ausgesiedelt. Im Juli 1941 wurde sie mit den übrigen Juden aus Wizna verbrannt". APL, SGŁ Zg 236/47.

85 Bericht von Avigdor Kochav (Wiktor Nieławicki), in: Memorial Book S. 100.

86 Augenzeugenbericht von Rivka Fogel, Jedwabne Book S. 103; Bericht von Menachem Finkelsztaj, 14. Juni 1946, ŻIH, 301/1846; Datner Zagłada Jedwabnego, ŻIH, R-1995/B.

87 Zeugenaussage von Czesław S., 9. April 1974. Bundesarchiv - Außenstelle Ludwigsburg (künftig: BA-AL), 205 AR-Z 233/74, Bl. 50-52; Zeugenaussage von Jan-Michal Z., 9. April 1974. Ebenda, Bl. 56-58; Julia Sokołowska Zeugenaussage vom 10. April 1974. Ebenda, Bl. 59-61, spricht dagegen von etwa 50 Überlebenden.

88 Interview mit Jadwiga Szymanowska, 23. Februar 2001, Wizna; Interview mit Józef M., 23. Februar 2001, Wizna.

89 Er ist eine staatliche Institution, welche die Aufgaben hat, jegliche Tätigkeit zu organisieren, um historische Ereignisse, Orte und Gestalten der polnischen Nationalgeschichte zu gedenken.

90 Archiwa mniej tajne, in: Życie vom 29. März 2001; Wizja lokalna w Jedwabnem, in: GW vom 29. März 2001; Ofiar było mniej? in: GW vom 5. Juni 2001; Kaczyński Ofiar było znacznie mniej niż 1600, in: Rzeczpospolita vom 5. Juni 2001; "Tylko" kilkaset ofiar? in: Życie vom 5. Juni 2001.

91 "Ślubne obrączki i nóż rzezaka". Interview mit Andrzej Kola, in: Rzeczpospolita vom 10. Juli 2001.

92 In einer Internet-Diskussion am 17. Mai 2001 wurde beispielsweise Gross gefragt, wie es möglich war, in einer kleinen Scheune 1600 Menschen zu verbrennen. Gross antwortete: "Sie war überhaupt gar keine kleine Scheune. Und man konnte in sie mit Sensen, Mistgabeln und Messern beliebig viele Menschen hineinzwingen." in:

Dr. Bogdan Musial, Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, 2001-10-01

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